Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben.

Johann Wolfgang von Goethe

Ein Beruf ohne Routine

Wer Kurt Greif privat kennen lernt, weiß, dass er ein lebenfroher und schlagfertiger Zeitgenosse ist. Vielleicht gelingt es ihm deshalb, seinen Beruf als Bestatter mit dem nötigen Ernst und Einfühlungsvermögen gut auszufüllen. Das eine muss ja nicht das andere ausschließen. Schließlich fordert ihn sein Beruf tagtäglich mit einem Thema, das gerne von der Gesellschaft verdrängt wird. Obwohl Kurt Greif schon viele Menschen beerdigt hat, beginnt seine Arbeit bei jedem Trauerfall erneut. „Es ist ein Beruf ohne Routine“, wie er sagt. Wer mit Menschen zu tun, weiß das nur zu genau. „Die Trauernden sind in einer wirklich schwierigen Situation und reagieren unterschiedlich“, so Kurt Greif. Als geprüfter Bestatter hat er das handwerkliche Rüstzeug, um Menschen würdevoll zu beerdigen, doch das Zwischenmenschliche musste er vom Leben lernen, auch heute noch: Tag für Tag. Was dem 48-Jährigen dabei sicherlich geholfen hat, ist seine Schulzeit an der Waldorfschule, die ihn bis zum Fachabitur geführt hat. „Durch diese Erziehung habe ich viel über Gefühle gelernt“, sagt er über seine Schuljahre, von denen er heute noch profitiert.

Kurt Greif ist in eine Schreinerfamilie hineingeboren. Der Großvater und der Vater waren bereits bei Kurts Geburt Meister ihres Fachs. Da lag es nicht fern, dass der Junior die Berufswahl bereits in die Wiege gelegt bekommen hat. Seine beiden großen Schwestern hatten kein Interesse daran, die Tradition des Schreinerhandwerks fortzuführen. „Klar hatte ich Träume wie jeder Junge: Feuerwehrmann oder Baggerfahrer“, sagt Kurt Greif, doch im Nachhinein sei es eigentlich immer klar gewesen, daß er Schreiner lernt. Er ist praktisch in der Werkstatt groß geworden, hat die Abläufe kennen gelernt und schon als Knirps die Säge in die Hand genommen oder das Holz mit der Raspel bearbeitet. Nach der Schule folgten die Lehrjahre in Niederweimar und schließlich auch im elterlichen Betrieb. Auf die Gesellenprüfung folgte der Wehrdienst und Jahre der „Wanderschaft“ nach Köln. Er hat die Wanderschaft nicht im klassischen Sinne betrieben, aber sie imponiert ihm. Noch heute drückt er einem richtigen Wandergesellen Geld in die Hand oder lädt ihm zum Essen ein. Beruflich ging es für Kurt Greif mit der Meisterschule in Bad Wildungen weiter. 1993 kehrte er mit dem Meisterbrief nach Marburg in den Stadtteil Ockershausen zurück und brachte zufällig ein Stück „greifsche“ Tradition mit. Denn nach 1933 und 1963 hat er ebenfalls nach exakt 30 Jahren die Meisterprüfung abgelegt, im gleichen Abstand wie der Vater zum Großvater.

In 1993 wurde ihm auch die Schreinerei Greif offiziell übertragen, da war er gerade 27 Jahre alt. Mit ihm bekam die Bestattungssparte in der Firma immer mehr Gewicht, wie er sagt. „Es kamen immer mehr Bestattungsaufträge hinzu, so dass immer weniger Zeit für die Schreinerei blieb“, erklärt Kurt Greif. Darüber hinaus besuchte er Lehrgänge zum fachgeprüften Bestatter und andere Fortbildungen. Schließlich sei der Beruf des Bestatters ein umfassendes Feld. Das zweigleisige Arbeiten als Tischler und Bestatter fand mit der Aufgabe des Schreinereibetriebes nach sechs Jahren ein Ende. Dadurch wurde Kurt Greif aber auch flexibler. Der Service von A (wie Antrag) bis Z (wie Zeitungsannonce) bei einem Trauerfall nahm immer mehr zu. Zudem erweiterte er ständig die Ausstattung seines Bestattungsinstitutes.

Sein Beruf mit all der Trauer und dem Tod macht sein eigenes Leben manchmal nicht einfacher. Da Kurt Greif im Ernstfall rund um die Uhr erreichbar ist, muss er sich selbst strenge Grenzen zwischen seinem Beruf und seiner Freizeit setzen, wie er sagt. Dann geht er mit seinem heiß geliebten Foxterrier Giso spazieren, fährt mit einem seiner Motorräder umher oder schaut am Wochenende mit seinen Freunden Fußball. „Ich bin zwar nicht der große Experte, aber es lenkt mich gut ab und macht Spaß“, so Kurt Greif. Seine Freunde sind aber nicht nur zum Ablenken da, sondern auch zum Zuhören, wenn es eine besonders „schwere“ Beerdigung gab.

Den absoluten Frieden allerdings findet Kurt Greif auf seinen weltumspannenden Reisen und bei seiner Leidenschaft, der Jägerei, zu der auch selbstverständlich der ständige Begleiter Giso mitgeht. Dabei reizt ihn allerdings mehr das Naturerlebnis, als das Jagen, wie er sagt. Morgens auf dem Hochsitz auszuharren, bei aller Stille und Kälte, und nur allein dem Gesang der Vögel zuzuhören, erfüllt ihn. Der rot-gelbe Sonnenaufgang zwischen dem aufsteigenden Nebel unterstreicht diese Stimmung. Vielleicht sind es gerade diese Momente, die Kurt Greif feinfühlig und zugleich stark machen für seinen nicht ganz alltäglichen Beruf.